Regenbogen Hamburg

FEMINISMUS CONTRA GENDERPHILOSOPHIE

Ein Essay von Miriam N. Reinhard

FEMINISMUS CONTRA GENDERPHILOSOPHIE

Position zu einer aktuellen Debatte

FEMINISMUS CONTRA GENDERPHILOSOPHIE? Position zu einer aktuellen Debatte
Von Miriam N. Reinhard

 

(Eine Erstfassung dieses Essays wurde in der aktuellen Ausgabe von „KRAMPFADER“, der Kasseler Frauen- und Lesbenzeitschrift publiziert).

 

1. Scheingefechte

Die Ausgaben der EMMA im Juli/August und September/Oktober 2017 bieten Artikel, die Paukenschläge sind und damit auch über ein feuilletonistisches Interesse an feministischen Themen hinaus Kreise ziehen. So lobt etwa die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) in einem Interview mit Focus-Online vom 27.08.20171 ganz ausdrücklich, dass Schwarzer „Fehlentwicklungen an Genderlehrstühlen“ kritisieren würde, ohne dazu auch nur einen einzigen inhaltlichen Punkt zu nennen, den sie an Schwarzers Kritik nun konkret für unterstützenswert hält. Vielleicht liegt es daran, dass Schwarzer selbst ihre Kritik auch kaum inhaltlich in Bezug auf Genderphilosophie konkretisiert. In einem in der Juli/August-Ausgabe der EMMA publizierten Dossier werden die Gender Studies, wie sie maßgeblich von der Philosophieprofessorin Judith Butler vertreten werden, u.a. als „Sargnägel des Feminismus“2 bezeichnet. So legen etwa Sabine Wettig und Vojin Saša Vukadinović in ihren Beiträgen dar, dass die Genderphilosophie und Theorien, die in ihren Augen mit ihr korrespondieren, einen „reaktionären Kern“3 enthalten; sie würde sich unkritisch und verklärend zum Dschihadismus verhalten und „Studierende oftmals nicht schlauer, sondern in vielen Fragen dümmer machen“.4 In derselben Weise haben bereits die Aufsätze des im Februar 2017 im Queer-Verlag erschienen Sammelbandes „Beißreflexe“ Kritik an der Genderphilosophie und den Critical Whiteness Studies geübt; die Essays des Emma-Dossiers sind zum Teil von denselben Autor_innen verfasst.

Gegen die im EMMA-Dossier erhobenen Vorwürfe argumentieren Judith Butler und die Berliner Professorin Sabine Hark in einem Artikel in DIE ZEIT vom 2. August 20175 und beklagen das „Erstarken autoritär grundierter Ressentiments“ in öffentlichen Debatten. Sie werfen der EMMA vor, dass diese „kein Problem mit Rassismus habe und nicht bereit ist, rassistische Formen und Praktiken der Macht zu verurteilen.“ Darauf wiederum reagierte Alice Schwarzer mit einem ZEIT-Artikel vom 9. August 20176, in dem die bereits im EMMA-Dossier erhobenen Vorwürfe an Butler wiederholt werden. Neu ist hier allerdings der explizite Bezug auf Butlers Schriften, der in den vorangegangenen Auseinandersetzungen weitestgehend fehlt. Schwarzer geht auf Butlers 1990 erschienenes Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ ein und stellt heraus, dass mit Butler die „Geschlechterrolle nicht mehr zwingend an ein biologisches Geschlecht“ gebunden sei. Damit komme man, so Schwarzer, bei dem Gedanken des „Queeren“ an. Dieser habe jedoch nichts mit der Realität zu tun, denn: „In der Realität […] sind die weiblichen Menschen in unserer Kultur weiterhin die Anderen, es gilt für sie ein anderes Maß als für Männer. Entsprechend sind sie zum Beispiel in erster Linie zuständig für Einfühlsamkeit und Fürsorge, Kinder und Haushalt, sie verdienen weniger und können selbst in Liebesbeziehungen Opfer von (sexueller) Gewalt werden. In anderen Kulturen – wie in islamischen, in denen die Scharia Gesetz ist – geht es noch viel ärger zu. Da sind Frauen vollends relative Wesen, sind rechtlose Mündel […]. Diese Verhältnisse werden von Butler im Namen einer „Andersheit der Anderen“ gerechtfertigt.“7

Diese Kritik wiederholt Schwarzer in der September/Oktober-Ausgabe der EMMA und nimmt zugleich dort eine anti-rassistisch motivierte Kritik an ihren Positionen vorweg, indem sie formuliert, dass genau eine solche Kritik „Methode“ habe: „Denn Kritikerinnen, denen man unterstellt, sie seien Rassistinnen niederer Machart, die den eigenen Gedanken kaum folgen können, solche Kritikerinnen brauchen den Mund gar nicht erst aufzumachen.“8

Es ist nicht ganz einfach, die wirkliche Frontlinie hier im Blick zu behalten; beide Seiten werfen sich Unsachlichkeit vor und Blindheit gegenüber der Argumentation der Anderen und der Realität. Dennoch läuft meines Erachtens die Kritik, die Schwarzer übt, zu einem großen Teil ins Leere, weil sie das, worum es der Genderphilosophie geht, nur oberflächlich zur Kenntnis genommen hat und an manchen Punkten daraus nicht die richtigen Schlüsse zieht.

Mit der von ihr konstruierten Opposition ‚Genderphilosophie/Feminismus‛ führt sie schon deswegen ein Scheingefecht, weil ihre Fragen als Journalistin, die auf tagespolitische Ereignisse reagiert und diese in einen Zusammenhang konkret politischer Debatten verortet, zunächst einmal völlig andere sind als die einer Philosophin, die die Bedingungen der Konstitution von Identität reflektiert und mit dieser Fragestellung an philosophische Traditionen des Denkens anknüpft. Wenn Schwarzer kritisiert, dass Butler das biologische Geschlecht relativiere und damit das Unrecht nicht mehr sagbar mache, das Frauen als Frauen widerfahre, so trifft sie damit das Anliegen der Genderphilosophie nicht.

2. Der Zeitpunkt des Sprechens

Die Genderphilosophie setzt früher ein, als die Reflexionen des Journalismus beginnen. Das, was der Journalismus uns in seinen Auseinandersetzungen präsentiert, ist bereits durch verschiedene diskursive Ebenen geprägt. Dies soll nicht bedeuten, dass es deswegen keinen kritischen Journalismus geben könnte, sondern, dass die Voraussetzungen des eigenen Sprechens diesem nicht immer zugänglich sind. Wenn Schwarzer darauf insistiert, es würde ein biologisches Geschlecht existieren und dies sei bedeutend dafür, dass man überhaupt von Frauen sprechen und dann auch für Frauen Partei ergreifen könne, so reproduziert sie damit eine Denkfigur, die eine Geschichte besitzt.

Genderphilosophie setzt bei dieser Geschichte ein. Sie geht davon aus, dass sich in Wissen und Sprache nicht einfach abbildet, was tatsächlich empirisch vorhanden ist, sondern, dass durch sie mitproduziert, reproduziert, inszeniert und in verschiedenen Formen spezifiziert wird, was dann als Reales in Erscheinung treten kann. Der Philosoph Michel Foucault hat mit dem Begriff des ‚Diskurses‛ und seinen Analysen zu verschiedenen diskursiven Ebenen versucht, beschreibar zu machen, in welcher Weise in bestimmten historischen Konstellationen sich Wissen formiert, in welcher Weise es die Wahrnehmung und Lebenswelt der Menschen zu organisieren beginnt. Der Diskurs ist eine Art Archiv des Wissens, das sich selbst verschließt und ständig erneuert, das seine eigenen Zutrittsbedingungen reguliert, und damit über Möglichkeiten des Sprechens entscheidet. Der Diskurs sammelt das Wissen, etwa der Medizin, der Biologie, der Psychiatrie. Er ermöglicht damit das Sprechen von Ärzt_innen, von Therapeut_innen. Er prägt bestimmte Vorstellungen von Verhalten, von Normalität, von Gesundheit und Krankheit. Er hat auch die ‚Geschlechtsidentität‛ hervorgebracht, wie wir sie heute verstehen. Anhand der Analyse eines Falls aus dem 19. Jahrhundert, wo ein hermaphroditischer Mensch plötzlich von Medizin und Justiz gezwungen wird eine Geschlechtsidentität anzunehmen, in der er zuvor nicht gelebt hat (und der sich dann schließlich unter dem Zwang dieser verordneten Identität das Leben nimmt), zeigt Foucault, dass erst ab dem 17. Jahrhundert das Wissen sich so spezifiziert, dass es einem Hermaphroditen ein ‚eindeutiges Geschlecht‛ zuordnen will.9 In der Zeit vor dem 17. Jahrhundert geht man – so beschreibt es Foucault – nicht davon aus, dass der Hermaphrodit ein eindeutiges Geschlecht besitzt; erst mit der Spezifizierung des Wissens entwickelt sich die Vorstellung, dass es sich bei Hermaphrodismus nur um ‚Scheinhermaphrodismus‛ handelt, einem raffinierten Versteckspiel der Natur, das das wahre Geschlecht eines Menschen nur verschleiert, das die Medizin fortan zu enthüllen beauftragt ist. Was sich hier ab dem 17. Jahrhundert am Beispiel des Hermaphrodismus herauskristallisiert, ist nichts weniger als die Norm, die fortan die Eindeutigkeit der Geschlechtsidentität mit einer Wahrheit versieht, die ihr zuvor nicht zugesprochen worden ist. Betrachtet Foucault besonders den Zeitpunkt des Erscheinens einer solchen eindeutigen Geschlechtsidentität innerhalb einer Chronologie des Wissens, so geht es Butler darum, zu zeigen, wie durch bestimmte Inszenierungen ein solches Wissen und der aus ihm folgende Effekt einer Geschlechtsidentität immer wieder eine Aktualisierung erfahren.

Damit geht es ihr nicht darum zu behaupten, dass ein biologischer Körper oder ein biologisches Geschlecht nicht existent seien, sondern darum zu zeigen, in welcher Weise der biologische Körper eine Figuration des Wissens ist.

3. Gesellschaftliche Funktionsweisen, gesellschaftlicher Konflikt

Ausgehend von der Sprechakttheorie, die beschreibt, dass Sprechen nicht eine objektiv vorhandene Wirklichkeit abbildet, sondern an ihrer Konstitution beteiligt ist– im Sprechen also handelt – analysiert Butler jene Sprechakte, die das biologische Geschlecht beglaubigen und damit seine Identität performativ generieren. Der erste Sprechakt, mit dem ein Mensch in diesem Zusammenhang konfrontiert wird, der die Rolle innerhalb seines Mensch-Seins fortan determiniert, ist die Benennung seines biologischen Geschlechts nach der Geburt: „Es ist ein Mädchen“, sagt eben auch: Dieser Mensch wird (so die Norm) eine Frau werden, er wird (so die Norm) sich in einen Mann verlieben; Butler: „Das Benennen setzt zugleich eine Grenze und wiederholt eine Norm“.10 An das benannte biologische Geschlecht knüpfen sich also Vorstellungen von Identität, die genau jene Normen manifestieren, die diesen Körper mitkonstituieren, zu dem das Geschlecht gehört; Butler fragt: „In welchem Ausmaß ist das >>Geschlecht<< [sex] eine erzwungene Produktion, ein Zwangseffekt, der die Grenzen dafür setzt, was sich als ein Körper qualifizieren kann, indem er die Bedingungen reguliert, von denen Körper getragen und nicht getragen werden?“11 

Diese Frage, die Butler aufwirft, ist politisch, denn sie problematisiert die Konstellationen, in denen ein Körper zu einem diskursiv legitimierten Körper eines Menschen wird. Wo wird die Praxis einer solchen diskursiven Legitimierung sichtbar? Noch am 22.06.2016 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass eine intersexuelle Person, nicht als ‚inter‛ in das Personenstandsregister eingetragen werden kann, sondern dass eine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit für die Eintragung benötigt wird.12 Als intersexueller Mensch ist man bis jetzt also keine Rechtsperson, man existiert in der Ordnung dieses Staates nicht. Jemand, dessen Geschlechtsidentität nicht in Eindeutigkeit überführt werden kann, oder diese Eindeutigkeit verweigert, kann als Rechtssubjekt damit nicht sichtbar werden. Das bedeutet ja mehr, als nur nicht in einem Register aufgeführt zu sein. Es bedeutet, nicht handlungsfähig zu sein, es bedeutet die Aberkennung des Person-Seins, die Aberkennung des Status des Sozialen. In diesen Praktiken der Identifizierung entscheidet sich in letzter Konsequenz, wie und ob Dasein möglich ist. Zu Recht hat deswegen das Bundesverfassungsgericht am 08.11.2017 eine Korrektur dieser Praxis verlangt und die Bundesregierung aufgefordert das Personenstandsrecht bis Ende 2018 dahingehend zu verändern, das auch ein drittes Geschlecht abgebildet werden kann. Denn hier, an den Fragen der Geschlechtsidentität, scheint eine Grenze des Menschlichen zu verlaufen. 

Ein Feminismus, der dies nicht in seine Überlegungen miteinbezieht, der nicht danach fragt, wie gesellschaftliches Dasein – und damit auch die Norm der Geschlechtsidentität ‒ produziert wird, bleibt blind auch für die Bedingungen seiner eigenen Produktion, für die Vorrausetzungen, auf denen sein Sprechen sich gründet. Einem feministischen Journalismus, wie etwa Alice Schwarzer ihn vertritt, müssen diese Bedingungen des Sprechens nicht in jedem Satz präsent sein; der Ort des Wirkens ist ein anderer als der der Genderphilosophie, wie sie etwa von Judith Butler vertreten wird. Der Zeitpunkt des Sprechens bleibt verschieden. Wenn Ort und Zeit des Sprechens nicht miteinander geteilt werden, bedeutet dies jedoch nicht, dass man in seinem Anliegen unversöhnbar voneinander abgespalten bleibt.

Man findet an dem Punkt wieder zusammen, an dem jene Bedingungen zutage treten, die das Sprechen reglementieren, die die Norm als Norm verteidigen wollen, die als ‚abweichend‛, ‚unnormal‛, ‚krank‛ und ‚gestört‛ all jene Stimmen und Zeugnisse zu diskreditieren und aus der Ordnung zu verbannen versuchen, die nicht männlich, nicht weiß, nicht heterosexuell, nicht eindeutig männlich oder weiblich sind. Vom Standpunkt der Norm aus betrachtet, sind diese Stimmen ‚queer‘ ‒ lange bevor ‚Queerness‛ dieses Stigma in eine Kraft des Sprechens zu wenden versucht.

Genau an diesem Punkt sollte der Feminismus sich fragen, wo er die Front eröffnen will – bevor er genau jene Stimmen zum Verstummen zu bringen versucht, die im Augenblick der Gefahr mit ihm durch das, was sie bezeugen, solidarisch sind.

 

 

(Endnotes)

1          Interview mit Kristina Schröder, Focus-Online am 27.08.2017, http://www.n-tv.de/politik/Den-Kohl-Starschnitt-gab-es-nie-article19993643.html, zuletzt aufgerufen am 18.09.2017.

2             Vojin Saša Vukadinović: Gender Studies. Die Sargnägel des Feminismus, in: EMMA,Juli/August 2017, S. 66-69.

3             Ebd., Hannah Wettig: Beissreflexe. Gewalt als Antwort auf Kritik, ebd. S. 64.

4             Ebd., Vojin Saša Vukadinović: Gender Studies, ebd. S. 69.

5          Judith Butler/Sabine Hark: Die Verleumdung, in: DIE ZEIT, vom 02.08.2017, http://www.zeit.de/2017/32/gender-studies-feminismus-emma-beissreflex, zuletzt aufgerufen am 18.09.2017.

6          Alice Schwarzer: Der Rufmord, in: DIE ZEIT, vom 9. August 2017, http://www.zeit.de/2017/33/gender-studies-judith-butler-emma-rassismus, zuletzt aufgerufen am 18.09.2017.

7             Ebd.

8             Alice Schwarzer: Eine Antwort auf Butler, in: EMMA. September/Oktober 2017, S.6-7.

9             Michel Foucault: Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin. Joseph Vogl und Wolfgang Schäfer(Hrsg.). Übersetzt von Annette Wunschel, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1998.

10           Vgl. Judith Butler: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann, Frankfurt: Suhrkamp 1991, S.29.

11           Judith Butler: ebd: S.49.

12        http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=pm&Datum=2016&Sort=3&nr=75539&linked=bes&Blank=1&file=dokument.pdf, zuletzt aufgerufen am 18.09.2017. Eine Stellungnahme vom LSVD dazu findet sich hier: http://www.lsvd.de/newsletters/newsletter-2016/lsvd-kritisiert-entscheidung-des-bundesgerichtshofs-zum-personenstandsrecht.html, zuletzt aufgerufen am 18.09.2017.