Regenbogen Hamburg

Bei Mondlicht betrachtet sind Gangster zum Kuscheln, doch politisch …

Essay Moonlight - Gastbeitrag von Miriam N. Reinhard

Essay Moonlight - Der Film

Moonlight


Bei Mondlicht betrachtet sind Gangster zum Kuscheln, doch politisch ändert sich nichts.
Von Miriam N. Reinhard

 

Barry Jenkins Film Moonlight erzählt in drei Kapiteln die Geschichte des schwarzen, queeren Chiron, der sich in einem schwierigen Milieu behaupten muss und immer wieder angefochten und bedroht ist. Mit dem Oskar für den besten Spielfilm ausgezeichnet, zeigt Moonlight ohne Frage durch die Wahl seines Protagonisten und dessen Lebenswelt eine Geschichte, die sich vom weißen heterosexuellen Main-Stream-Kino und seinen Themen deutlich unterscheidet. Dennoch kann man die Frage stellen, ob er sie nicht in einer Weise erzählt, die diese Geschichte gerade einem Publikum erträglich werden lässt, das an einer Veränderung der Verhältnisse kein Interesse hat ― das deswegen die Möglichkeit bekommt, diesen Film zu würdigen und zugleich unbeteiligte Zuschauende zu bleiben und so das, was er zeigt, von sich fernzuhalten.
Die drei Kapitel, in die der Film gegliedert ist – und die durch eingeblendete Überschriften auch als eigene Abschnitte sichtbar werden ― sind mit drei verschiedenen Namen des Protagonisten überschrieben: „little“, „Chiron“, „black“. Dabei ist Chiron der Eigenname des Protagonisten, der – worauf auch E. Alex Jung hinweist – auf die griechische Mythologie, auf den Kentauren Χείρων (Cheiron), zurückgeht. Cheiron ist eine hybride Gestalt, ein Zwitter: Er ist halb Mensch, halb Pferd, was daran liegt, dass Kronos, als er Cheiron mit Phylira zeugt, sich selbst zuvor in ein Pferd verwandelt, da er von seiner Frau Rhea bei diesem Seitensprung nicht entdeckt werden will. Cheiron gehört als Seitensprung von Kronos also nicht in die göttliche Familie, die Kronos mit Rhea zeugt. Seine Mutter Phylira verwandelt sich aus Enttäuschung darüber, die Mutter eines Kentauren zu sein, in eine Linde. Von den anderen Kentauren unterscheidet sich Cheiron durch seinen gütigen Charakter. Er ist, wie E. Alex Jung formuliert: „A character without a peer“ (Ein Charakter, der keinen Ebenbürtigen findet). So ist auch Chiron in Moonlight ein Außenseiter in seinem sozialen Umfeld, der von den anderen Kindern „little“ genannt wird, der sich bei Rangeleien und Ballspielen nicht behaupten kann. Mit dem Cheiron der Mythologie verbindet ihm zudem ein in seinem Leben abwesender Erzeuger und eine Mutter, die – cracksüchtig seiend – nicht viel mit ihm anzufangen weiß. Der Name „little“ markiert sein Anderssein und seinen sozialen Status; den anderen Kindern unterlegen, hat er auch nur geringes Selbstbewusstsein. Erst als sich der Dealer Juan und dessen Ehefrau Terese seiner annehmen, erfährt er Zuwendung; Terese ist es auch, die die diskriminierende Konnotation von „little“ sofort erkennt und deswegen entscheidet: „Ich werde dich mit deinem richtigen Namen ansprechen.“ Besonders Juan versucht nun, Chiron Selbstbewusstsein zu geben; so zeigt er ihm – im doppelten Sinne – wie er sich „über Wasser halten“ und dabei Vertrauen haben kann, als er ihm das Schwimmen beibringt.
Wie in einer Novelle markiert die zufällige Begegnung zwischen dem starken Dealer Juan und dem schwachen Chiron einen Wendepunkt im Leben des Jungen, der nun ein männliches Vorbild hat. „An einem bestimmten Punkt musst du dich entscheiden, wer du sein willst, und niemand kann dir diese Entscheidung abnehmen“, erklärt ihm Juan nach dem gemeinsamen Schwimmen im Meer. Alles, so vermittelt es ihm Juan, ist eine Frage der Entscheidung, des Selbstbewusstseins, denn das, was die Menschen von außen sehen, ist ihre Perspektive, eine Frage der Seh- und Sichtweisen, die aber nicht endgültig sind. Juan: >>Schwarze Menschen gibt es überall […]. Ich komme aus Kuba, war mal ein wilder Kerl wie Du. […] Und einmal, da rannte ich an einer alten Lady vorbei und die alte Lady hat gesagt: „Du rennst hier rum und fängst das ganze Licht ein. Im Mondlicht sehen schwarze Jungs blau aus, du bist blau.“<< Von Juan hört Chiron so, dass Zuschreibungen die Identität nicht determinieren müssen. Schwarz-Sein ist eine Eigenschaft, die durch die Blicke der anderen hervorgebracht wird; Eva Schürmann formuliert: „Der Blick ist ein performativer Akt, der etwas gründet, oder zerstört, anfangen oder enden lässt, dem erblickten Ich eine bestimmte Form zuweist und ihm andere Gestaltmöglichkeiten raubt. Er ist das zugleich sinnliche und mentale Geschehen einer Begegnung von ichbildender Macht.“ Bei dem Blick der Frau auf den tobenden Jungen geschieht jedoch noch etwas anderes; es ist zunächst ein Sehen, das nicht einfach nur den wilden Jungen bemerkt und dieses zum Ausdruck bringt, sondern dem das Schwarz-Sein des Kindes auffällt und dies auch explizit benennt. Doch in ihrem Sprechen rekurriert die Frau in erstaunlicher Weise auf die Bedingungen des Seh-Aktes selbst, indem sie der Farbe Schwarz den Stellenwert einer Farbe zurückgibt, deren Erscheinen eine Frage der Lichtverhältnisse ist. Indem sie den Prozess des Sehens und Erkennens markiert, wird dem Schwarz-Sein die rassifizierende Komponente genommen, weil es gerade dort, wo es ausschließlich als Farbe erscheint, auch ― je nach Fall des Lichts ― als andere Farbe erscheinen und wahrgenommen werden kann. Die „bestimmte Form“, von der Eva Schürmann spricht, wird in dem Moment, in dem das Bestimmte ausgesprochen ist, ins Unbestimmte gewendet. Das erblickte Ich wird damit nicht völlig unmarkiert, es wird nicht völlig frei von solchen Zuschreibungen, aber dem Blick selbst wird die totalisierende Macht und die damit verbundene Deutungshoheit über den anderen genommen, weil er sich als abhängig zeigt und damit ein Anders-Sehen möglich ist. Diesen Blick der anderen auf das Ich, der Anders-Sehen kann, der die Bedingungen seines eigenen Wahrnehmens in die Beschreibung dessen, was er sieht, mit aufnimmt, kann dann auch die Selbstwahrnehmung des beschriebenen Ichs verändern. Das auf diese Weise angesprochene Ich weiß nun, dass es, wenn es auf eine spezifische Weise gesehen und angesprochen wird, auch anders gesehen werden könnte, und gewinnt so eine Gestaltmöglichkeit in der Begegnung und damit auch in Bezug auf sich selbst zurück. Doch es sind nicht nur Blicke, denen Chiron ausgesetzt ist und mit denen er umzugehen lernen muss, sondern es ist auch sprachliche Gewalt, die er erfährt. Gelingt es Juan, den scheinbar totalisierenden Blicken mit seiner Geschichte die Gewalt zur Stigmatisierung zu nehmen, so erklärt er ihm auch, dass ein diskriminierendes Sprechen kein Urteil ist, das akzeptiert werden muss. Auf die Frage des Neunjährigen, was eine Schwuchtel sei, antwortet er: „Eine Schwuchtel ist ein Ausdruck, der schwule Menschen beleidigen soll.“ „Bin ich eine Schwuchtel?“ „Nein, du kannst schwul sein. Aber lass niemals zu, dass jemand dich Schwuchtel nennt.“
Als Chiron jugendlich ist, hat sich seine soziale Außenseiterposition zementiert. In dem mit „Chiron“ überschriebenen zweiten Kapitel sehen wir Chiron hauptsächlich im Klassenverband, in dem er auch weiterhin diskriminiert und „little“ genannt wird. Er unterscheidet sich mit seiner enganliegenden Kleidung von den anderen Jugendlichen und ihm werden auf diskriminierende Weise feminine Züge zugesprochen: „Little muss noch seinen Tampon wechseln“, sagt Terrell, der Chiron besonders hartnäckig schikaniert und ihn auch physisch drangsaliert. Chiron wirkt zwischen den anderen Jungen zerbrechlich und kann sich gegen sie nicht wehren. Wie Terese verweigert jedoch auch der Mitschüler Kevin, den Chiron schon aus Kindertagen kennt, ihn mit „little“ anzusprechen. Mit „black“ hat er einen eigenen Spitznamen für ihn. „Warum nennst du mich so?“, fragt ihn Chiron. „Das ist mein Spitzname für dich. Nicht gut?“ So bekommt durch Kevins Namen für Chiron die Farbe Schwarz eine weitere Konnotationsebene und wird zu einer Beziehungschiffre zwischen Kevin und Chiron. Gerade dadurch, dass Kevin ihn „black“ nennt und damit scheinbar auf eine Äußerlichkeit zielt, bringt er zum Ausdruck, dass er etwas anderes als alle anderen Jugendlichen in Chiron zu sehen vermag, die eben ausschließlich Chirons in ihren Augen wenig männliches Äußerliches sehen. „Black“ in Kevins Sprechen bedeutet, dass er Schwarz nicht anders sieht, sondern der Name bereits das Resultat eines Anders-Sehens ist, das die ganze Person von Chiron betrifft. Kevin gibt der Farbe damit das Attribut der Tiefe, des Geheimnisvollen zurück, Schwarz ist eine Farbe, die es ermöglicht, Dinge zu überdecken, von denen dann nur der Eingeweihte weiß. „Black“ entsteht so aus einer Oszillation zwischen Innen und Außen. In der Fähigkeit, mehr als nur die Oberfläche der Dinge zu sehen, finden die beiden Jungen zueinander und es kommt zu Chirons erstem sexuellem Kontakt. So muss es auf mehreren Ebenen schmerzvoll für ihn sein, als ihn Kevin von Terrell ― dem eine Verbundenheit zwischen dem schüchternen Chiron und dem nach außen cool wirkenden Kevin nicht entgangen ist, die für seine Vorstellungen von Männlichkeit bedrohlich wirken muss ― mit den Worten: „Hau die Schwuchtel um“ dazu aufgefordert, zu Boden schlägt.
Niemals zulassen, dass man von jemanden als Schwuchtel bezeichnet wird – Chiron lässt es in diesem Moment der Gewalt zwar zu, aber er belässt es nicht dabei und rächt sich seinerseits auf gewalttätige Weise an Terrell. Dies ist ohne Frage die tragische Wendung im Leben des Helden, der nun in der Auseinandersetzung mit Terrell auf das Niveau seines Milieus hinunterfällt, von dem er sich zuvor unterschieden hat.
Wir sehen Chiron wieder, als er aus der Haft entlassen worden ist, die er wegen der Körperverletzung gegen Terrell verbüßen musste, und sich eine neue Identität aufgebaut hat. Als Vorbild für diese Identität dürfte wohl das Image und Auftreten des lange schon verstorbenen Dealers Juan gedient haben – denn Chiron ist nun wie einst dieser ein Boss des Drogenhandels auf den Straßen, ein Dealer, dem andere Kleinkriminelle unterstellt sind. Auch äußerlich hat er sich der einstigen Vaterfigur angenähert: durchtrainiert, die Zähne mit goldenen Brills verziert, ein großes Auto fahrend. Er nennt sich nun „black“ (womit auch das dritte und letzte Kapitel des Films überschrieben ist) und so ist der Name, den Kevin ihm gab, das Einzige, was er aus seiner Vergangenheit mitgenommen hat. So bekommt „schwarz“ eine dritte Bedeutungsebene, sie steht nun auch für den nach Außen sichtbaren Schutzpanzer, den Chiron sich zugelegt hat. Doch auch damit ist „black“ wieder etwas, das nur scheinbar auf rein Äußerliches rekurriert, denn als Name aus der Vergangenheit verweist es auf eine intime Geschichte, auf ein verdrängtes Begehren, auf eine Spaltung des Ich. „Black“ ist ein Schutzpanzer, der durch die Wiederbegegnung mit Kevin von ihm hinterfragt wird und dann ― in dem Wiederbegegnen zwischen den Männern ― zu bröckeln beginnt.
Damit wird am Schluss des Films das Ich, das sich durch das Aufbauen einer eigenen Identität zunächst selbst behauptet hat, sich erneut selbst zur Frage.
Dieser Film kann mit den hier nachvollzogenen Dekonstruktionen einer eindeutigen klaren Identität als queer bezeichnet werden. Dies zu konstatieren bedeutet nicht – wie es taz-Redakteur Jan Feddersen in seiner Auseinandersetzung mit bisherigen Rezensionen zu diesem Film polemisch formulierte – dass „Schwulsein nicht reicht“, es geht nicht um eine „politisch ideologische Aufföhnung“ und nicht um den Versuch, dem „Homosexuellen das Fleischliche zu nehmen“, sondern darum, zu erkennen, dass der Aspekt der Identität in diesem Film auf mehreren Ebenen verhandelt und offengehalten wird. Identität erscheint in diesem Film als Produkt von Sprechakten; das Ich wird immer wieder auf spezifische Weise angerufen und mit Namen belegt, zu denen es dann eine Position entwickeln muss. Er ist queer auf der Ebene, wie er Identität verhandelt, und er ist auch queer in Bezug auf die spezifische Biographie, die er darstellen will: Denn es ist keineswegs klar, wie Jan Feddersen es wohl gerne sehen wollte, dass Chiron eindeutig schwul ist – er könnte sich auch ausschließlich zu Kevin hingezogen fühlen, bei dem man ebenso wenig ein eindeutiges und ausschließlich schwules Begehren erkennen kann. (Er ist auch, bevor er Chiron wiederbegegnet, eine Zeitlang mit einer Frau verheiratet und Vater eines Sohnes geworden).
Das kritische Potential, das der Film durch diese Dekonstruktion von Identitätskonzepten birgt, verspielt er jedoch in gewisser Weise wieder, weil er darüber hinaus erstaunlich unpolitisch ist.
Denn obwohl Moonlight zeigt, dass mit der Anrufung durch verschiedene Namen ein Subjekt konstituiert werden kann, er das Subjekt als durch diese Namen angefochten und zugleich als dieses Subjekt hervorgebracht und agierend zeigt, inszeniert er doch das Individuum als Individuum, ohne ein solches Konzept ebenfalls einer kritischen Dekonstruktion zu unterziehen. Moonlight stellt dem gebrochenen Ich ein Individuum gegenüber, das den Mut findet, ein mit sich selbst versöhntes Leben zu führen. Das Individuum gelangt somit zur Freiheit, wenn es Kraft und Mut hat, sie zu ergreifen, sich für sie zu entscheiden – und in diesem Sinne ist der Film idealistisch-konservativ. Denn die Namen, mit denen Chiron belegt wird, ob „little“ oder „Schwuchtel“, sind Teil eines Sprechens, das zwar von Individuen ausgeführt wird, aber sie dennoch übersteigt; Judith Butler formuliert: „Der Name trägt in sich die Bewegung einer Geschichte, die er zum Stillstand bringt. Offenbar haben verletzende Namen eine Geschichte, die im Augenblick der Äußerung aufgerufen und wieder gefestigt, jedoch nie ausdrücklich erzählt wird.“ Die in diesen Namen ausgesprochene Homophobie und das Bild von einer überlegenen Männlichkeit haben eine diskursive Macht, die die Sprechenden nutzen können, ohne dass sie mit dieser Macht identisch sind.
Das Milieu, in dem Chiron dieser verletzenden Sprache ausgesetzt ist, gehört zu dem Teil Amerikas, der sich weit im Schatten der glamourösen Trump-Tower befindet und der von der Politik ihrer Bauherren seitjeher ignoriert worden ist. Dieses Amerika hat eine Geschichte, die auch die Geschichte von ‚hate speech‛, von Sprechakten ist, die immer wieder ausgrenzen und verletzen konnten. Dass Chiron hier nicht ein queeres Leben führen, sich nicht zu dem bekennen kann, was er selbst empfindet, ist nicht eine reine Privatangelegenheit – so wenig, wie das gezeigte Elend der abhängigen Crackkonsumenten allein ihre private Wahl aus verschiedenen Lebensentwürfen ist. Mit Juan, dem kinderlieben Drogenboss, hat Moonlight einen Sympathieträger kreiert, der als Krisenprofiteur die Widersprüche einer gnadenlosen Welt durch sein großes Herz in sich zu versöhnen scheint. So werden mit Juan Umstände erträglich, die eigentlich untragbar sind. Es wäre nicht moralisierend gewesen, die Umstände des frühen Todes von Juan im Film aufzuklären – oder zu zeigen, was Chirons Mutter in die Drogenabhängigkeit führte oder was Terrell zu dem aggressiven Jugendlichen werden ließ, als der er glaubt, sich behaupten zu müssen. Es hätte dem Film keine Moral, sondern die Möglichkeit zu einer Perspektive gegeben, die das individuell Relevante zur politischen Frage werden lässt: Die Lebensgeschichte von Chiron steht in einer spezifischen Geschichte; in dieser kann eine queere Existenz lebensgefährlich sein. Diese Geschichte – ihre Diskursivität, ihre Gewalt, auch im ökonomischen Sinne – zu erzählen, hätte der individuellen Bedrohung einen Widerstand entgegensetzen können, der sich nicht allein aus dem Individuum und seinen Entscheidungen begründet, sondern der die Mehrheitsgesellschaft als Gesellschaft mit in die Verantwortung nimmt. Sie kann sich nun von Chirons Geschichte berührt zeigen, ohne dass sie sich von der Geschichte, die das Dargestellte mit hervorbringt (und in der sie nicht nur die Rolle eines ansonsten unbeteiligten Publikums innehat), selbst betroffen fühlen muss.