Lesbischer Stadtrundgang 2015

Erfahrungsbericht über den lesbischen Stadtrundgang. 26.7.15

 

Gegen 15 Uhr treffen gut 40 Frauen vor dem Café Endlich/ Hotel Hanseatin ein.

Reingard und Karin kündigen einen 2 stündigen Rundgang durch die Neustadt an.

Dieser Rundgang springt ein wenig durch die Jahrhunderte. Wir beginnen in der Straße Bäckerbreitergang. Im 17. und 18. Jahrhundert hatten Frauen, die sich nicht von Männern ernähren lassen wollten, keinen Zugang zu Arbeit und der Möglichkeit sich Ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zudem waren sie als Angestellte in Haushalten meist den Launen und Bedrängungen der jeweiligen Hausherren ausgeliefert.

Lesbische Frauen gab es schon immer in der Geschichte, aber es fehlen oft historische Beweise. Karin erzählt von dem Buch „Schandweib“ in dem die Geschichte von Ilsabe Bunk erzählt wird. Diese wird in Männerkleidung aufgegriffen. Das war für einige Frauen/Lesben eine der wenigen Möglichkeiten, Zugang zu Arbeit und Unabhängigkeit zu erlangen.

So geht es weiter durch die Jahrhunderte. Wir erfahren wie in den 1920er Jahren Frauen/Lesben als ungelernte oder angelernte den Handel erobern, Verkäuferin und Büroangestellte werden. Allerdings noch ohne Möglichkeit der Berufsausbildung und wesentlich weniger Bezahlung.

In der Weimarer Republik war lesbisches Leben schon mal sichtbarer. Es gab Zeitschriften wie die „Garçonne“ oder „Die Freundin“. Das lesbische Leben fand in einschlägigen Lokalen statt. Es gab Tanzveranstaltungen für Frauen, die Frauen liebten.

Diese Freizügigkeit endete abrupt mit dem Aufstieg der Nazis. Die Neustadt und das Gängeviertel waren geprägt von engen Gassen mit wenig Sonnenlicht und schlechten hygienischen Verhältnissen. Da sich hier gerne „Gesindel“ wie Kommunisten und Homosexuelle rumtrieben, welche schlecht zu kontrollieren waren, wurden diese Straßen abgerissen. Es wurde eine offener und somit auch besser zu kontrollierende Bauweise bevorzugt, die noch heute Teile der Neustadt prägt.

Ein weiteres Beispiel für die Unsichtbarkeit von Frauen ist auch die Tatsache, dass in Hamburg der Hummel Wasserträger als Mann dargestellt wird und sehr bekannt ist. In Wahrheit wurde diese Tätigkeit sehr viel häufiger von Frauen erledigt.

Im dritten Reich wurden Lesben wiederholt wegen Asozialem Verhalten inhaftiert. Sie entsprachen nicht dem Frauenbild der Mutter und Hausfrau. Sie wurden entmündigt und in Konzentrationslager deportiert, oft ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Da die "Täterinnen" auch nach dem Krieg in Amt und Würden blieben, standen diese Frauen dann meist den gleichen Menschen gegenüber, die sie im Krieg verurteilt und entrechtet hatten. Anders als bei den Schwulen fiel weibliche Homosexualität nicht unter den Strafparagrafen 175. Es gab zwar Befürworter einer strafrechtlichen Verfolgung weiblicher Homosexualität im NS-Regime, aber diese konnten sich nicht durchsetzen. Das heißt aber nicht, dass Lesben unbehelligt blieben. Sie galten als krank, verwirrt und asozial und mussten therapiert bzw. bestraft und auf den richtigen Weg gebracht werden.

In der Peterstraße besichtigen wir einen von 7 Stolpersteinen, die an lesbische Frauen erinnern. Anna Eismann, geb. Hustedt. Sie wurde 1939 nach Ravensbrück gebracht und 1942 in Ausschwitz ermordet.

Dann kommen wir in den 1950er Jahren an. Am Großneumarkt lernen wir, dass es dort das „Stadtcasino“ gab. Dort fanden donnerstags Tanzveranstaltungen für Lesben statt. Es war eine ganz langsame Wiederbelebung der alten Szene. Aber in den sehr prüden 1950er Jahren war das nicht einfach. Auch die Tatsache, dass Helmut Schmidt Tanzveranstaltungen für Gleichgeschlechtlich Liebende verboten hatte, war vielen Anwesenden nicht bekannt. Herr Schmidt war auch derjenige, der die Spiegelüberwachung in den öffentlichen Toiletten einführte um homosexuelles Treiben zu unterbinden und nach §175 bestrafen ließ.

Angelehnt an die Zeitschriften aus den 1920er Jahren erschien dann auch die Zeitschrift „Wir Freundinnen“. Dadurch wurde lesbisches Leben wieder etwas sichtbarer. Das handliche DIN A5 Format wirkte von außen recht harmlos, aber schon auf den ersten Seiten waren unbekleidete Frauen zu sehen. Das Frauenbild in den 1950er Jahren war doch sehr vom klassischen Familienbild der Hausfrau und Mutter geprägt. Die Familienpolitik war noch immer sehr auf das Kinderkriegen ausgelegt. Für Lesben war es unmöglich alleine eine Wohnung mieten zu können. Normalerweise lebte Frau bis zur Heirat bei den Eltern. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es damals schon Anzeigen gab, in denen eine „Kameradschaftsehe“ angestrebt wurde. Schwule Männer suchten Lesben zur Hochzeit um dem gesellschaftlichen Bild zu entsprechen. In dieser Zeit entstanden auch die IKA Stuben, die bis in die 1990er Jahre überlebte. Ein Lokal, in dem das klassische Rollenbild von Lesben gelebt wurde. Ein „Kesser Vater“ trifft Ihre „Femme“. Erst die zweite Frauenbewegung in den 1970er Jahren hat dieses „Mann-Frauen-Rollenspiel“ aufgebrochen.

Am Axel-Springer-Platz erfahren wir dann auch etwas über die Hetzkampagne der BILD im Jahre 1974. Damals fand in Itzehoe der Prozess gegen Judy Andersen und Marion Ihns statt. Die beiden Frauen waren angeklagt, gemeinschaftlich den Mord am Ehemann von Marion Ihns in Auftrag gegeben zu haben. Da die beiden Frauen eine lesbische Beziehung hatten, wurde daraus ein Schauprozess gegen Lesben, die laut der BILD fast immer kriminell waren.

Dieser Prozess und die hetzerischen Artikel der BILD waren sozusagen die Initialzündung der deutschen Lesbenbewegung. Einige Lesben fuhren nach Itzehoe und störten den Prozess mit bedruckten T-Shirts: „Gegen geile Presse – für lesbische Liebe“. Der Richter zog sich zurück und am nächsten Tag titelte die BILD dann: Richter flieht vor lesbischen Frauen.

Weitere lesbische Highlights aus der Zeit ist der erste LFT im Jahre 1974 (Lesbenpfingstreffen) und die erste CSD Demo 1980 in Hamburg. Unsere Referentinnen Reingard und Karin waren sogar live dabei.

Der Rundgang endet dann auch wieder vorm Hotel Hanseatin.

Zum Abschluss erinnern wir uns an die kürzlich verstorbenen Karin Wilsdorf, Mitbegründerin des Café Endlich und an Monika Miskalla aus der Frauenkneipe. Beide Frauen haben die Hamburger Lesbenszene auf ihre eigene Art mitgeprägt.  

 

ver.di Kampagnen